
Altmark
Seit 1314 wird in Gardelegen Braugeschichte geschrieben. Nach bewegten Jahrzehnten ist Garley zurück – handwerklich gebraut, regional verwurzelt und getragen vom Engagement einer Familie, die Tradition weiterdenkt.

Ein Beitrag von
Marco Heide
Zwischen kupfernen Sudkesseln und dem süßlichen Duft von Malz lebt am Lindenberg in Gardelegen eine alte Tradition neu auf: das Garley-Bier. Was heute wieder in markanten Ein-Liter-Flaschen mit Bügelverschluss abgefüllt wird, knüpft an eine jahrhundertealte Braugeschichte an. Hopfen und Bier machten die Hansestadt einst wohlhabend. Mit dem Ende der historischen Garley-Brauerei schien dieses Kapitel abgeschlossen – bis Lars Vogel es nicht dabei belassen wollte.
2019 gründete er mit großem Idealismus die Garley-Brauereigesellschaft. Gemeinsam mit seinem Bruder Jens Vogel baute er das Unternehmen Schritt für Schritt auf. Es gelang ihnen, die Markenrechte und sogar die Originalrezepturen zurück nach Gardelegen zu holen. Damit kehrte nicht nur ein Produkt zurück, sondern ein Stück Identität. Garley war wieder in aller Munde – gebraut nach überlieferten Verfahren und mit klarem Qualitätsanspruch.
Der plötzliche Tod von Lars Vogel im vergangenen Jahr traf Familie und Brauerei schwer. Doch schnell stand fest: Das Werk soll fortgeführt werden. „Wir machen weiter“, beschloss die Familie. Für Jens Vogel ist die Brauerei trotz hauptberuflicher Tätigkeit kein Neuland. Von Beginn an hatte er nach Feierabend und an Wochenenden mit angepackt. Unterstützt wird die Familie von Freunden und Wegbegleitern. Eine besondere Rolle spielt Reiner Finke, der letzte Brauer der früheren Garley-Brauerei, der ehrenamtlich mit Rat und Tat zur Seite steht.

Nach dem Trauerfall in der Familie führt die gesamte Familie mit Hilfe von Freunden die Garley–Brauerei weiter, hier Bianka und Jens Vogel mit Brauer Fabian Rösler.
© C. Ahlfeld

Garley ist keine Massenware. So kommt es auch optisch edel, eher wie ein guter Wein daher
© A. M. Sternhagen
Im Mittelpunkt steht das Bier selbst. Zu den ganzjährig erhältlichen Sorten zählen das naturtrübe Garley Pils und das Garley 1356 – benannt nach einem historischen Bezug zur Stadtgeschichte. Beide werden nach traditionellen Rezepten gebraut. Hinzu kommen saisonale Spezialitäten wie Bockbier, Frühlings- und Sommersud oder das Winterbier, das sich längst zu einem Aushängeschild entwickelt hat. Gebraut wird streng nach dem deutschen Reinheitsgebot – mit Wasser, Malz, Hopfen und Hefe. Gewürze wie Zimt sucht man vergeblich. Den besonderen, kräftigen Geschmack erzielt das Team durch ausgewählte Hopfensorten und den Einsatz von Röstmalz, das dem Bier seine dunkle Farbe verleiht.
Erhältlich ist der Gerstensaft im regionalen Handel, in der Tourist-Information, in ausgewählten Märkten der Umgebung und direkt in der Brauerei. Auf einen Online-Vertrieb verzichtet man bewusst: Die unfiltrierten und nicht erhitzten Biere müssen durchgehend gekühlt werden – unter sieben Grad – und sollten innerhalb von sechs Wochen genossen werden. Qualität geht vor Reichweite.
Garley versteht sich als Manufaktur. „Garley-Bier ist wie eine gute Flasche Wein“, sagt Bianka Vogel. Es ist kein Massenprodukt und will es auch nicht sein. Vielmehr setzt man auf Regionalität, Frische und handwerkliches Können. Zwei Getränkewagen, Fassbierangebote sowie Brauseminare, Führungen und regelmäßige Abende mit Bier und Musik öffnen die Brauerei für die Öffentlichkeit. Höhepunkte sind der traditionelle Bockbieranstich und die Präsenz auf Weihnachtsmärkten in der Region.
So steht Garley heute für mehr als Gerstensaft. Es ist das Ergebnis familiären Zusammenhalts, regionaler Verbundenheit und der Überzeugung, dass Tradition Zukunft haben kann. In den Tanks am Lindenberg reift daher nicht nur Bier – sondern auch das Vermächtnis eines Gründers, das weiterlebt.
Als Geburtsstunde des Garley-Bieres gilt der 16. Juli 1314. An diesem Tag verlieh Markgraf Waldemar der Stadt das Braurecht. Schon um 1400 existierten fünf große Brauereien, und das Stadtwappen zeigte drei Hopfenranken – Sinnbild für den regionalen Hopfenanbau und die Bedeutung des Bieres. 1567 zählte Gardelegen 176 brauberechtigte Häuser. Garley war Alltagsgetränk, Handelsware und Aushängeschild zugleich.
Legenden und historische Zeugnisse unterstreichen den Ruf des Bieres. 1698 soll Zar Peter der Große auf seiner Reise durch die Altmark Garley als „bestes Getränk auf Erden“ gelobt haben. 1729 verfügte der preußische König Friedrich Wilhelm I., dass Garley weder gepanscht noch verwässert werden dürfe, und setzte sogar einen festen Preis fest. Selbst aus benachbarten Regionen wurde das Bier importiert.
Um 1900 bestanden in Gardelegen noch vier Brauereien, doch drei Jahrzehnte später produzierte nur noch die Gebrüder-Haase-Brauerei. 1972 wurde sie enteignet und firmierte fortan als VEB Garley-Bräu, später eingegliedert in das Getränkekombinat Magdeburg. Nach der deutschen Einheit folgten wechselvolle Jahre mit Neugründungen, Investoren und Insolvenzen. 1994 kam zunächst das Aus, 1996 wurde die Marke von den Hösl-Brüdern aus der Oberpfalz neu belebt. Mit Spezialitäten wie Premium Pilsener, Bock, Schwarzbier oder saisonalen Kreationen erreichte Garley zeitweise beachtliche Absätze. Doch wirtschaftliche Schwierigkeiten führten 2005 erneut in die Insolvenz. Zuletzt wurde in Penig gebraut, ehe im Mai 2013 die Produktion eingestellt wurde – bis im Jahr 2021 die Gardelegener Braugesellschaft die Produktion wieder aufnahm.

Brauer Fabian Rösler vor der Brauanlage der Garley–Brauerei.
© T. Gringmuth